Zahlen für die Arbeit

Zahlen für die Arbeit

 

Karl Marx schilderte die Ausbeutung des Proletariats in der Ära des sogenannten Manchester-Kapitalismus im Trucksystem: Damals war den Arbeitern oftmals kein Lohn in Geldform, sondern in Form von Warengutscheinen ausgezahlt worden. Diese Gutscheine galten aber selbstverständlich nur für (völlig überteuerte) betriebseigene Geschäfte – sodass die Arbeiter de facto ihren kompletten Lohn dem Kapitalisten wieder in die Tasche stecken mussten. Man mag nun sagen: Das ist über 150 Jahre her, was hat das mit heute zu tun? Schauen wir uns einen aktuellen Fall aus Würzburg an.

Wie wohl jeder weiß, ist der Beruf des Lehrers ein ebenso wichtiger wie schwieriger: Der Lehrer vermittelt den Schülern (im Idealfall) nicht nur Wissen, sondern auch Werte fürs Leben. Wie für den Schüler endet auch der Arbeitstag des Lehrers nicht mit dem Schulschluss. Die Umstände werden schwieriger, die Eltern fordernder, und das Gehalt ist niedrig.

Wie gut, dass man sich bei der Stadt Würzburg überlegt hat, wie man das Lehrpersonal etwas entlasten kann. Im Ergebnis sollen die Lehrer nun für die Parkplätze aus eigener Tasche zahlen. Das Echo auf diese Pläne ist ausgesprochen kritisch – und das zu Recht. Nicht nur werden die Lebensbedingungen der Lehrer dadurch weiter verschlechtert. Es geht vor allem um eine absolute Frechheit gegenüber den Werktätigen, die bei den Schulen sicher nicht Halt machen würde.

Denken wir das mal konsequent zu Ende: Jeder Beschäftigte müsste dafür zahlen, gnädigerweise vor Ort parken zu dürfen, um seinem Bourgeois Mehrwert in die Kassen zu spülen. De facto hätten wir es dann mit einer Lohnsenkung durch die Hintertür zu tun – was der Werktätige erhält, muss er dem Kapitalisten direkt zurückgeben; und das, um eine Selbstverständlichkeit wahrzunehmen. Und überhaupt: Wo hört das auf? Was kommt als Nächstes? Eintrittspreise für den Betrieb? Oder muss der Angestellte jetzt seinen Stuhl im Büro mieten? Oder den Stehplatz am Fließband? An dieser Stelle schließen wir die Beispiele lieber ab – wir glauben zwar nicht, vom Kapital flächendeckend gelesen zu werden, wollen aber liebe keine Vorschläge liefern …

Dieses Vorgehen in Würzburg, das scheinbar nur die ohnehin bisweilen als “faul” und “überbezahlt” verschrienen Lehrer trifft (wenig könnte weiter von der Realität entfernt sein), ist in Wahrheit nur eine weitere Offensive an der Front des Sozialabbaus. Die Rüstungsausgaben müssen ja irgendwie reingeholt werden, und wenn die privaten Unternehmen Extraprofit machen können, greifen sie erfahrungsgemäß immer gern zu. Wie wir gebetsmühlenartig wiederholen: Aufrüstung bedeutet Sozialabbau – man kann jeden Euro nun mal nur einmal ausgeben. Nun gilt es – um die Sprache der Militaristen zu verwenden –, die feindlichen Truppen bereits an dieser Front aufzuhalten.

Der Kapitalismus hat seine Natur seit damals nicht geändert und das wird er auch nicht bis man ihn abschafft.

Ralph Petroff

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