25 Jahre nach 9/11
Ich kann mich – wie vermutlich jeder, der ihn erlebt hat – noch genau erinnern, wie der 11. September 2001 für mich war: Ich hatte gerade den ersten Schultag in der 7. Klasse, war zuvor ziemlich besorgt gewesen und erzählte nun erleichtert meiner Mutter davon. Doch ich merkte, wie ihr Interesse immer mehr von mir aufs Radio überging, und schließlich bat sie mich, still zu sein. Sie murmelte: “Oh, das gibt Krieg …” Ich hörte also aufs Radio. Ein Flugzeug sei ins Wahrzeichen New Yorks gestürzt, hieß es. Ich dachte an eine kleine Cessna in der Krone der Freiheitsstatue, machte mir mehr Sorgen um den Piloten und wusste nicht, was das mit Krieg zu tun haben sollte. Dann wurde der Fernseher eingeschaltet – und plötzlich sieht man etwas, das eher an einen schlechten Katastrophenfilm erinnert und doch gerade jetzt passiert …
Zum 25. Jahrestag schrieb nun auch der Bayerische Rundfunk (BR) zum Thema – unter dem Titel “Warum 9/11 auch große Auswirkungen auf Schweinfurt hatte“. Nun, die Antwort ist schnell gegeben: In Schweinfurt befand sich damals eine der größten US-Kasernen in Europa. Damals, so wird im Artikel ausgeführt, wurde die Kaserne verriegelt, und die Schützenpanzer fuhren hinter den Toren auf – man hatte Angst vor Anschlägen auch in Deutschland. Grundsätzlich ist das ja auch erst mal verständlich; und der BR schildert ausführlich, wie die US-Soldaten damals auf das schier Unvorstellbare reagierten.
Es versteht sich von selbst – und doch sagen wir es: Gezielte Angriffe auf Zivilisten sind zu verurteilen. Das ist der schmale Grat, der legitimen Widerstand von Terrorismus trennt. Und nichts kann die Tat, die Täter oder ihre Ideologie rechtfertigen. Dennoch kommen mir beim BR zwei Aspekte zu kurz: Wie kam es dazu, dass die USA quasi ihre eigene Medizin schlucken mussten? Und: Was haben US-Kasernen überhaupt (noch) in Deutschland zu suchen?
Was den ersten Punkt betrifft: Die USA haben (beschränken wir uns mal nur auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg) sich – nur fadenscheinig durch ein UN-Mandat verschleiert – in den Koreakrieg eingemischt und den Norden buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht; dass es das Land heute noch gibt, ist eigentlich ein Wunder. Die USA haben 1961 Kuba angegriffen und unterstützen seitdem Terroristen; zudem bieten sie Gestalten wie Luis Posada Carriles (bis zu dessen Tod) einen sicheren Hafen. Die USA hatten beim Sturz von Jacobo Árbenz in Guatemala 1954 (weil dieser die gesetzlose Herrschaft der United Fruit Company – heute Chiquita – beenden wollte), von Mohammed Mossadegh im Iran (der die Frechheit besaß, das iranische Öl zu verstaatlichen) sowie Salvador Allende 1973 (ein Marxist, wie furchtbar!) ihre Finger im Spiel. Die USA begingen barbarische Verbrechen und Bombenterror gegen Vietnam, Laos und Kambodscha – sowie im Rahmen der NATO und mit deutscher Komplizenschaft auch gegen Jugoslawien. An dieser Stelle mache ich Schluss, denn die Liste würde zu lang. Man kann so gesehen sagen: Der Terror kam lediglich in seine Zentrale zurück.
Und bezüglich des zweiten Punkts: Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Besatzung ihre Berechtigung. Bis etwa 1989 konnte man zumindest noch argumentieren, dass die US-Truppen zum “Schutz” vor einer “sowjetischen Invasion” nötig seien. Aber spätestens nach dem Abzug der sowjetischen bzw. russischen Truppen aus Deutschland und der Auflösung des Warschauer Vertrags haben NATO bzw. US-Truppen in Deutschland ihre Existenzberechtigung verloren. Doch wir wissen, was stattdessen passiert ist: Die NATO hat sich ausgeweitet und endgültig zum Weltpolizisten gemacht (wobei das nicht ganz stimmt, denn ein Polizist ist zumindest offiziell neutral und agiert nicht im eigenen Interesse). Diese Entwicklung hatte weitere Kriege zur Folge – von (wie erwähnt) Jugoslawien über Libyen bis zur Ukraine heute. Wobei uns an dieser Stelle wichtig ist, zu betonen: Ein Deutschland ohne US-Kontrolle wäre immer noch ein imperialistisches Land, und allein dadurch würde auch nichts besser.
Meine weitsichtige Mutter hatte damals, wie wir alle wissen, Recht: Es gab Krieg. Der in Afghanistan dauerte über 20 Jahre; der im Irak dauert im Grunde noch an – und beide gingen letztlich verloren. Überall, auch in Libyen, hinterließ die – na, sagen wir mal freundlich “Intervention” verbrannte Erde und gescheiterte Staaten. Aber oft war genau das ja gerade das Ziel – frei nach dem ehemaligen Fußballprofi Rolf Rüssmann: Wenn wir schon nicht gewinnen, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt … Doch von alledem schweigt der BR natürlich. Da gibt es lieber eine dramatische Feelgood-Story ohne jeden politischen Wert.
Ralph Petroff
