Tante Emma ohne Laden
Während der COVID-19-Pandemie gründete ein Ehepaar in Löffelsterz im Landkreis Schweinfurt ein Tante-Emma-Laden namens “Unser kleiner Laden”. Das Bemerkenswerte ist, dass es sich dabei um die einzige Einkaufsmöglichkeit im Ort handelte. Besonders interessant ist hierbei das Konzept: Der Laden war rund um die Uhr geöffnet und basierte auf Vertrauen. Jeder konnte sich bedienen, das Geld in die Kasse legen und sich das Rückgeld selbst nehmen. Das Problem war jedoch, dass dieses Konzept ausgenutzt wurde. Nicht nur wurden Waren gestohlen, sondern teils auch die Kasse geplündert. Die Kosten für Sicherheitsmaßnahmen stiegen. Jetzt müssen die Betreiber aufgeben und den Laden schließen.
Doch die Diebstähle und die Folgeerscheinungen waren ein gewichtiger, aber keineswegs der einzige Grund. In einem Artikel des Bayerischen Rundfunks (BR) werden darüber hinaus die steigenden Preise und die schwindende Kaufkraft der Kunden genannt. Mit anderen Worten: Die werktätige Bevölkerung hat immer weniger Geld, muss aber gleichzeitig für alles viel mehr bezahlen. Da macht sich beispielsweise auch bemerkbar, dass die Russlandsanktionen ein Schuss ins eigene Knie waren. Doch wie immer sind diejenigen, die für Kriegstreiberei und Preisexplosionen verantwortlich sind, diejenigen, die die Folgen am wenigsten spüren – während jene, die für all das gar nichts können, am stärksten betroffen sind.
Wir wollen nun nicht den Mythos bedienen, dass es gutes und schlechtes Kapital gäbe. Das Problem sind nicht nur die Monopole, sondern allgemein die Ausbeutung von Lohnarbeit. Doch sind Betreiber von Dönerläden, Imbissbuden oder Handwerksbetrieben letztlich eine kleinbürgerliche Zwischenschicht: Auf der einen Seite sind sie Eigentümer der Produktionsmittel, streben nach Gewinn und sind insofern wie Kapitalisten. Auf der anderen Seite leben diese Leute von ihrer eigenen Arbeit (höchstens von ein paar Lohnarbeitern verstärkt), und es geht nicht um Profitmaximierung, sondern letztlich darum, irgendwie über die Runden zu kommen; das bringt sie dem Proletariat näher. Dementsprechend können diese Leute Verbündete sein, während das Monopolkapital immer und überall der Klassenfeind ist.
Als ich den BR-Artikel gelesen habe, stellte sich mir unwillkürlich die Frage: Was machen die Menschen in Löffelsterz denn jetzt? Wie gesagt, auch Kleinunternehmer leiden unter dem Druck des Monopolkapitals, und so ist es kein Zufall, dass sich dieses mehr und mehr konzentriert. Keine große Supermarkt- oder Warenhauskette würde in der Provinz eine Filiale eröffnen. Warum nicht? Ganz einfach: Es rechnet sich nicht, es ist nicht profitabel. Dann müssen die Bewohner zum Einkaufen eben in die Städte fahren, was aber (zumindest öffentlich) auch immer schwerer wird – Bahnstrecken und Bushaltestellen werden massiv stillgelegt. Warum? Na, Sie wissen schon. In letzter Instanz zeigen all diese Beispiele sehr anschaulich, in was für einer Gesellschaft wir leben – in einer nämlich, in der der Profit der Konzerne und nicht die Bedürfnisse der Menschen im Vordergrund stehen; in einer, in der die Ellenbogen ja geradezu ausgefahren werden müssen, weil man sonst auf der Strecke bleibt (vielleicht hatte ja auch der eine oder andere Dieb keine andere Wahl).
Mit anderen Worten: Es ist der ganz normale kapitalistische Wahnsinn. Und solange dieses System fortbesteht, in dem das Kapital alles beherrscht und seine Interessen bestimmen, wird sich daran auch nichts ändern.
Ralph Petroff
