Bildung – aber wie?
Ob nun Bildungsproteste in Frankreich oder Schülerstreiks in Deutschland – das Thema Bildung erreicht zurzeit die breite Öffentlichkeit; auch Leute wie mich, die schon eine ganze Weile aus der Schule raus sind. Doch mit welchen Problemen haben es die Schüler eigentlich zu tun?
Verfallene Schulen und mangelnde Investitionen wie in Frankreich kennt wohl jeder von uns – teils sogar noch aus der eigenen Schulzeit, teils über die eigenen oder Kinder von Verwandten. Der Bayerische Rundfunk (BR) bringt in einem jüngst veröffentlichten Artikel weiteres Licht in die Sache. Darin wird beispielsweise geschildert, wie Schüler mit Migrationshintergrund chronisch benachteiligt werden – durchaus nicht nur Muslime, sondern auch Schwarze oder ein blondes Mädchen, deren Mutter Rumänin ist. Diese Schüler würden nicht drangenommen, ihre Antworten kritischer beurteilt, gleiche Leistungen schlechter bewertet. Zudem würden Schüler mit Migrationshintergrund häufig entmutigt, eine höhere Bildung anzustreben – nach dem Motto: “Du schaffst das doch eh nicht.” Wenn wir mal davon ausgehen, dass das keine deutsche Besonderheit ist, versteht man anhand dessen auch, warum der Anteil an Migranten bei den französischen Protesten so relativ hoch ist.
Doch das Problem geht noch viel tiefer: Der BR zitiert Karim Fereidooni, Professor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Fereidooni sagt: “Aber der wichtigste Faktor ist nach wie vor der soziale Status der Familien. Der wichtigste Baustein, der Bildungserfolg verhindert, ist Armut.” Dabei ist man in der BRD doch so stolz darauf, dass die Bildungslaufbahn nur von der eigenen Leistung abhängt, jeder die gleichen Chancen hat und es keine Zweiklassenbildung mehr gibt – wie es ja bekanntlich überhaupt keine Klassen mehr gibt … Wer also auf der Strecke bleibt und systematisch benachteiligt wird, sind also Migranten und Kinder aus ärmeren Haushalten – was sich bisweilen deckt, aber keineswegs immer. Nach wie vor ist Bildung also ein soziales Privileg; und wie sollte es auch anders sein? In einer Gesellschaft, die in Klassen gespalten und im Grunde ein Kastensystem ist, kann es ja auch gar nicht anders sein.
Hinzu kommt ja obendrein, dass selbst die beste Bildung letztlich klassenspezifisch ist. Der Sklave, der Leibeigene und der Fabrikarbeiter des 19. Jahrhunderts bekamen gerade so viel beigebracht, wie sie wissen mussten, um zu funktionieren – und das war nicht viel. In unserer heutigen Gesellschaft, die sich technisch sehr entwickelt, international vernetzt hat und damit deutlich komplexer geworden ist, muss natürlich weitaus mehr und anderes Wissen vermittelt werden als zu jener Zeit: Kein Fabrikarbeiter brauchte damals Englisch, heute hingegen kommt man ohne nicht weit. Und Computerkenntnisse konnte sich damals erst recht noch keiner ausmalen. Doch letztlich ist es genau dasselbe: Der künftige Lohnsklave soll funktionieren und möglichst viel Mehrwert produzieren. Zwar erhöht Umfang und Qualität der erhaltenen Bildung den Wert der Arbeitskraft, allerdings eben auch den Mehrwert, den diese hervorbringt. Insofern kann man einen bekannten Spruch abwandeln: Wir lernen nicht fürs Leben, sondern fürs Kapital! Auch das trägt zum Frust der Schüler bei.
Und was bleibt diesen entsprechend benachteiligten Schülern für die Zukunft? Nun, genau das, wovon das kapitalistische System im Stadium des Imperialismus nicht genug bekommen kann – entweder miserabel bezahlte Malocherjobs oder die Rolle als Kanonenfutter für künftige Kriege. Gerade Letzteres betreffend wird ja intensiv geworben. Man könnte ja beinahe annehmen, das Ganze habe System – ein Schelm, wer Böses dabei denkt …
Ralph Petroff
