Nächster Zulieferer streicht Stellen
Es ist ein Wortbruch, der dennoch nicht überraschend kommt: Autozulieferer Magna wird sein Werk in Dorfprozelten (nahe Aschaffenburg) rund eineinhalb Jahre früher schließen als geplant, Mitte 2027 statt Ende 2028. Einmal mehr gehen Hunderte Industriearbeitsplätze verloren; man kann sich denken, was das für eine Gemeinde mit 1.750 Einwohnern bedeutet.
Dabei ist die Problematik nicht neu: Bereits 2023 konnte die Werksschließung gerade noch so abgewendet werden. Damals hat das Unternehmen noch einmal gütigst darauf verzichtet – und sich das freilich teuer bezahlen lassen: Die Beschäftigten mussten nämlich viele Zugeständnisse machen. Unterm Strich musste die Belegschaft diese Kröten schlucken, weil – darauf kommen wir später noch zu sprechen – auch der mieseste Job immer noch besser ist als gar kein Job. An diesem Punkt sind wir erst jetzt angekommen. Der Betrieb des Werkes rechne sich nicht mehr und sei “wirtschaftlich nicht mehr darstellbar” – und jeder weiß, was sich hinter diesen Floskeln verbirgt. Dass der Konzern offenbar ein weiteres Versprechen gebrochen und keine neuen Produkte außer Außen- und Rückspiegeln in Dorfprozelten hat herstellen lassen – geschenkt. Das hätte bestimmt wieder nur Kosten verursacht …
Solche Dinge passieren, wenn nur die Profitrate zählt. Selbstverständlich kann keine Wirtschaft auf Dauer mit Verlust arbeiten; auch im Sozialismus ist Gewinn notwendig, damit die Wirtschaft wachsen und die Betriebe investieren sowie Rücklagen bilden können. Der zentrale Unterschied aber ist: Im Sozialismus kann es sich der Staat leisten, wenn bestimmte Betriebe, die zunächst unrentabel, aber strategisch wichtig sind, subventioniert werden müssen. Im Kapitalismus hingegen ist jedes Unternehmen Einzelkämpfer und dem Kampf auf Leben und Tod auf dem “freien Markt” ausgeliefert. Und wo die Arbeitskraft wie im Kapitalismus eine Ware ist, kann es natürlich auch kein Recht auf Arbeit geben. Werden die Profiterwartungen nicht erfüllt, schauen die Beschäftigten in die Röhre.
Mehr noch: Im Kapitalismus ist ein gewisses Maß an Arbeitslosigkeit geradezu notwendig. Arbeitslose, denen es möglichst schlecht geht, dienen als Druckmittel: Der noch Beschäftigte überlegt sich zweimal, ob er eine Gehaltserhöhung oder bessere Arbeitsbedingungen fordert, wenn vor der Fabrik drei Arbeitslose stehen, die seinen Job unter den miesesten Bedingungen übernehmen würden. Dann schluckt er seinen Ärger lieber runter, weil er froh sein kann, überhaupt noch einen Job zu haben und nicht mit den elenden Gestalten vor den Werkstoren zu stehen. Das ist genau das, was Friedrich Engels als “Reservearmee der Arbeit” bezeichnet hat. Und deshalb ist auch all das Gerede von der Vollbeschäftigung, die angeblich angestrebt werde, nichts als Heuchelei – der Kapitalismus erzeugt die Arbeitslosigkeit nicht nur, er benötigt sie auch.
Und so kann – und wird – das, was in Dorfprozelten geschehen ist, auch anderswo geschehen. Man denke da etwa an Schweinfurt und Schaeffler, ZF oder SKF. Wenn die Gesetze des Kapitalismus wirken, dann mit allen Konsequenzen – die für die Werktätigen keine guten sind …
Ralph Petroff
