Marxisten strukturell antisemitisch?
Es gibt Neuigkeiten: Laut der Amadeu Antonio Stiftung und ihrer Autorin Anja Thiele sind wir “strukturell antisemitisch”! Wobei das eigentlich gar keine Neuigkeit ist; diese Sau wird schließlich schon lange durchs Dorf getrieben. Dass man uns aus interessierten Kreisen Antisemitismus vorwirft, ist ja nun wahrlich nicht neu; von “strukturellem Antisemitismus” hingegen dürften bis dato die wenigsten je gehört haben.
Der Leser wird sich daher vermutlich fragen: Was zum Geier soll das sein, “struktureller Antisemitismus”? Nun, die Antwort ist kurz und knapp – so ziemlich alles, was in irgendeiner Form Ähnlichkeit mit antisemitischen Denkmustern aufweist und/oder so interpretiert werden könnte (!). Sage ich “Der Kapitalismus muss weg”, könnte man darin “strukturellen Antisemitismus” wittern: Aha! Der Kapitalismus muss weg. In antisemitischen Denkmustern werden Juden oft mit dem Kapitalismus verknüpft. Du sagst also letzten Endes, die Juden müssen weg! Und schon wird aus einer antikapitalistischen Aussage ein Aufruf zur “Endlösung” herbeifantasiert …
Wir Kommunisten lehnen den Antisemitismus kompromisslos ab, denn wir denken nicht in völkischen Kategorien. “Der Jude” ist ebenso wenig unser Feind oder Freund wie “der Araber”, “der Russe” oder “der Peruaner”, denn es gibt ihn nicht. Es gibt überall solche und solche, und vor allem gibt es unter allen Völkern (oh je, war das “strukturell antisemitisch”?) Kapitalisten und Werktätige. Das eigentlich Beschämende ist, dass es wirklich noch Menschen gibt, denen man das erklären muss.
Man könnte diesen Artikel nun sezieren – doch zum Glück ist das gar nicht nötig, denn es gibt eine Passage, die den Kerninhalt sowie das intellektuelle “Niveau” perfekt veranschaulicht: “Die Ideologie des Marxismus-Leninismus versuchte, komplexe und unverstandene ökonomische Zusammenhänge dualistisch aufzulösen und dabei insbesondere zwischen einem angeblich guten, produktiven, ‘schaffenden’ Kapital und einem schlechten, mehrwertproduzierenden, ‘raffenden’ Kapital zu unterscheiden.”
Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll …
Zunächst einmal ist es infam, dieses Denkmuster dem Marxismus-Leninismus unterzuschieben – unter der Herrschaft derer, auf die die These von “raffendem” und “schaffendem” Kapital wirklich zurückgeht, saßen Kommunisten in Folterkerkern und Konzentrationslagern. Doch kommen wir zum Inhaltlichen: Es gibt für Kommunisten kein “gutes Kapital”. Da wird im Text immer wieder triumphierend auf Marx Bezug genommen, und dann ist offensichtlich nicht mal diese banale Tatsache bekannt, die jeder normale Mensch im zweistelligen Alter begreift.
Vorgeworfen wird uns weiter, wir unterschieden zwischen produktivem und spekulativem Kapital. Dazu kann ich nur sagen: Ja. Na und? (Abgesehen davon, dass Kapital selbst nichts produziert, sondern nur menschliche Arbeit.) Industriekapital ist insofern produktives Kapital, als in einer Fabrik Waren produziert werden. Demgegenüber ist Bankkapital schwerlich als produktiv zu bezeichnen, weil aus der Vergabe von Krediten und dem Einstreichen von Zinsen kein Produkt entsteht. Das ist keine Wertung, sondern eine Tatsache – die eigentlich selbst jedes Spatzenhirn verstehen sollte.
Am amüsantesten fand ich jedoch die Unterstellung, wir werfen dem “schlechten Kapital” vor, es sei “mehrwertproduzierend”. Eine ähnliche Formulierung findet sich an anderer Stelle: “Im modernen Antisemitismus werden Juden mit dem Kapitalismus identifiziert, für die Schaffung von Mehrwert und die Ausbeutung der Arbeiter verantwortlich gemacht.” Das ist so ein begrifflicher Wirrwarr, dass man ihn schrittweise auflösen muss. Zunächst einmal – siehe oben – produziert Kapital gar nichts; die Arbeiter produzieren, und zwar mittels Produktionsmitteln, die nur in kapitalistischen Produktionsverhältnissen zu Kapital werden. Nur Arbeit schafft Werte. Wieder so ein Schnitzer von Leuten, die Marx besser als alle anderen verstanden haben wollen …
Davon abgesehen sind Thiele bzw. Thomas Haury, auf den sie immer wieder Bezug nimmt, auch in anderem Zusammenhang nicht willens oder in der Lage, Marx und Lenin zu verstehen: Das Problem am Kapitalismus ist nicht die Produktion von Mehrwert! Mehrwert ist der Überschuss des Produktwerts über den Wert der Arbeitskraft. Und da die menschliche Arbeitskraft grundsätzlich mehr Wert schafft, als sie selbst besitzt, wird in jeder Produktionsweise Mehrwert produziert. Ohne diesen Mehrwert könnte es nie zu Wachstum und Entwicklung kommen. Das Problem im Kapitalismus ist, dass der Mehrwert in die Taschen der Kapitalisten (Entschuldigung, war diese Formulierung “strukturell antisemitisch”?) fließt, weil die Produktionsmittel Privateigentum sind.
Und so ergibt sich, dass gerade jene, die uns Nachhilfe im Marxismus erteilen wollen, diese selbst bitter nötig hätten. Davon abgesehen stellt sich allerdings noch eine ganz andere Frage: Wer ist eigentlich antisemitisch? Derjenige, der von Kapitalisten spricht und sich überhaupt nicht auf Juden bezieht – oder vielleicht doch eher der, der beim Wort “Kapitalisten” sofort an Juden denkt?
Ralph Petroff
