Viele Denkmäler vor dem Aus
Der Bayerische Rundfunk schlägt Alarm: In den vergangenen zwei Jahren seien rund 900 Denkmäler abgerissen worden; dies betreffe gerade auch Bayern.
Nun lässt sich natürlich zu Recht argumentieren: Was ist das für ein Umgang mit der Geschichte? Dadurch gehen historische und Kulturgüter verloren. Überhaupt erinnert ein solcher Umgang mit Denkmälern eher an die Bücherverbrennungen der deutschen Faschisten oder den Umgang der Taliban mit Statuen und Ähnlichem, bei denen ebenfalls jede Menge Geschichte und Kultur unwiederbringlich vernichtet wurde. Der einzige Unterschied ist, dass diese Vernichtung in den beiden genannten Fällen ideologisch motiviert war, während es heute in der BRD wie (fast) immer allein ums Geld gehen dürfte.
Und doch stellt sich mir unwillkürlich die Frage: Was haben (oder hätten) die Damen und Herren Denkmalschützer eigentlich zur Zerstörung von Denkmälern und sonstigen Kulturgütern nach dem Anschluss der DDR gesagt? Zu jener Zeit wurden Statuen abgerissen, historisch benannte Straßen umgetauft, Bücher eingemottet und vernichtet (das betrifft zwar keine Denkmäler, aber doch das historische Bewusstsein). Um das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow oder die Gedenkstätte Ziegenhals für Ernst Thälmann zu erhalten, waren (und sind) harte Kämpfe nötig. Aber da wurde ja nur proletarische Kultur vernichtet, was soll’s.
Es ließe sich natürlich einwenden: Das ist doch jetzt schon so lang her. Was sollen Leute dazu sagen, die damals vielleicht noch nicht mal geboren waren? Nun gut, wenden wir uns der Gegenwart zu: In den baltischen Staaten, in Polen sowie der Ukraine werden massenhaft Denkmäler für die sowjetischen Befreier geschleift. Die Geschichte wird nationalistisch entstellt, teils wird stattdessen irgendwelcher Nazikollaborateure gedacht. Das passiert heute – wo aber bleibt der Aufschrei? Russenhass hat gerade wieder Hochkonjunktur, und Antikommunismus kommt auch nie aus der Mode – warum sollte sich also irgendein bürgerlicher Denkmalschützer an dieser Entwicklung stören?
Es ist nie schön, wenn historisch und kulturell Relevantes verloren geht; das gilt etwa auch für den Brand der Kathedrale Notre-Dame. Aber anhand der geschilderten Beispiele sollte deutlich genug geworden sein, dass Geschichte nicht gleich Geschichte ist und manche Leute, die Denkmäler schützen wollen, zugleich auf dem linken Auge blind sind. Oder anders gesagt: Auch der Umgang mit der Geschichte ist in letzter Instanz eine Klassenfrage.
Ralph Petroff