Regelt Gen Z?

Regelt Gen Z?

 

Nachdem es nun in mehreren europäischen Ländern – darunter auch die BRD – massive Proteste der Jugend gegen die soziale Situation und mangelnde Zukunftsperspektiven gab, wacht die Öffentlichkeit anscheinend doch ein Stück weit auf. Schon gab es erste Forderungen, die Bedürfnisse und Anliegen der Jugend endlich ernst zu nehmen.

Schon dagegen könnte man einiges einwenden – etwa, dass “ernst nehmen” noch lange nicht bedeutet, auch wirklich was dagegen zu tun. Oder auch, dass die jungen Menschen, häufig “Gen Z” genannt, auf den Straßen keineswegs nur für ihre eigenen, sondern auch für soziale Belange demonstrieren. Aber immerhin, es ist zumindest ein Signal des Aufwachens.

Was aber wird stattdessen gefordert? Woher soll das Geld kommen, das für die Verwirklichung der Forderungen der Protestierenden nötig ist? Indem man in Soziales statt in Hochrüstung investiert? Indem man es bei den Großkonzernen und Superreichen holt oder wenigstens auf Steuergeschenke an diese verzichtet? Weit gefehlt: Bei den Rentnern will man es holen. Zumindest war das eine Idee, die in den Nachrichten auf Bayern1 vorgestellt wurde. Da sollen “die Erwartungen gesenkt” werden – als würde irgendjemand bei klarem Verstand sich einbilden, eines Tages ein Rentnerdasein in Wohlstand und Hängematte zu fristen.

Das genau diese “Lösung” vorgebracht wurde ist kein Zufall, also was ist der Zweck der Übung? Richtig, die “gute” alte Klassenspaltung. Man spielt die einen gegen die anderen aus, damit die Jugend in den “gierigen Rentnern” und die Rentner in den “verwöhnten Jugendlichen” das Problem sehen – und dabei übersehen, wer der wahre Feind ist. Man kann nur hoffen, dass alle Beteiligten klug genug sind, dieses Trauerspiel zu durchschauen. Das ist ja auch nichts Unbekanntes: Ob nun Migranten, Klimakleber, “alte weiße Männer”, Linksextreme, die Jugend oder eben die Rentner – solange sie nicht zur herrschenden Klasse oder ihren Vertretern gehört, ist keine Gruppe vor der Rolle als Sündenbock sicher.

Allerdings ist das Konzept so alt wie der Klassenkampf selbst: So hat zum Beispiel schon Lenin in seinem 1916 erschienen Werk “Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus” dargestellt, wie die Extraprofite aus den Kolonien auch dazu benutzt wurden, einen Teil der Arbeiterklasse zu “bestechen” und mit ein paar “Leckerli” ans System zu binden. Nicht zufällig entstand aus dieser Arbeiteraristokratie, wie Lenin diese Schichten nannte, die heutige sozialdemokratische Strömung: Diese Arbeiter wollten das System vielleicht etwas reformieren und “verschönern”, aber keineswegs mehr überwinden – schließlich hatten sie plötzlich mehr zu verlieren als ihre Ketten. Mit diesem Geniestreich ist der Bourgeoisie letztlich die Spaltung der Arbeiterbewegung in Revolutionäre und Reformisten gelungen.

Die gesamte Klasse der Lohnarbeiter – die es schon sind, die es mal waren, die es noch werden und die es derzeit nicht sind – steht denselben Problemen gegenüber: kapitalistischer Ausbeutung und Sozialkahlschlag durch Aufrüstung. Deshalb dürfen wir uns keinesfalls spalten lassen, sondern müssen gemeinsam dagegen vorgehen. Und uns muss auch klar sein: Niemand schenkt uns etwas, niemand kommt uns aus gutem Willen entgegen. Dass nun überhaupt diskutiert wird, die Forderungen der Jugend ernst zu nehmen, entspringt nicht der Güte der Herrschenden, sondern ausschließlich den energischen Protesten. Wenn das Ganze wirklich zu etwas führen und nicht nur ein Sturm im Wasserglas bleiben soll, müssen wir am Ball bleiben – und dürfen uns vor allem nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Ralph Petroff & D. S.