Abwarten und Teetrinken?
Auf dem Weg zum Bus habe ich in Schweinfurt einen Aufkleber entdeckt, der mich in vielerlei Hinsicht nachdenklich gemacht hat. Es war ein Aufkleber der Bundeswehr, auf dem die Parole stand: “Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken”.
Der erste Gedanke, der mir kam: Warum denn eigentlich nicht? Natürlich nicht durchs Teetrinken per se; aber wenn der Tee bei Verhandlungen gereicht würde, wäre das doch ein echter Fortschritt. Denn der zweite Gedanke, der mir kam: Was wäre wohl die Alternative? Die Bundeswehr spricht es aus gutem Grund nicht aus – aber wenn man bedenkt, dass es die Armee ist, die friedliche Konfliktlösungen als “Abwarten und Teetrinken” abtut, kann die Antwort nur lauten: natürlich militärische Gewalt und die Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder. Nicht nur die Logik, sondern auch historische Erfahrungen machen deutlich, dass man Krisenherde so nicht löscht, sondern nur Benzin hineingießt.
Natürlich, wenn man das einem Militaristen entgegenhielte, kämen die üblichen Parolen: Und was ist mit Hitler? Die Nazis wurden nur militärisch besiegt! Oder: Und was ist mit Ruanda? Dort hätte man ja wohl eingreifen müssen! Und man kann beidem zustimmen: Wir sind keine Pazifisten. Es war richtig, die Nazis militärisch zu bekämpfen (wobei die Alliierten ja auch gar keine Wahl hatten, sie wurden schließlich angegriffen). Es wäre auch richtig gewesen, militärisch einzugreifen, um den Holocaust zu stoppen (wobei die Westalliierten das leicht durch Bombardierung der Gleise oder der Gaskammern hätten tun können). Und wäre eine bewaffnete UN-Mission eingeschritten, um das Gemetzel in Ruanda zu stoppen, hätte man das auch schwerlich kritisieren können.
Aber mit diesen Extrembeispielen sollen Gewalt und Einmischung grundsätzlich legitimiert werden. Auf jeden Hitler, auf Holocaust und Weltkrieg, kommen Zehn-, Hunderttausende, ja Millionen Konflikte, die weit unterhalb dieses Extrems liegen und durchaus diplomatisch gelöst werden könnten. Und die Frage ist doch: Wer schwingt sich zum Schiedsrichter in solchen Konflikten auf – und ist der dann wirklich neutral? Denn gerade der Fall Ruanda zeigt sehr deutlich, dass es nicht um den Erhalt einer “regelbasierten Ordnung” geht: In Ruanda gab es keine missliebige Regierung, die loszuwerden war; und es gibt dort keine bedeutenden Rohstoffe, von denen man nicht bereits massenhaft über “Verbündete” kontrollierte. Das war aus westlicher Sicht nur ein Haufen Schwarzer, die einander abschlachten. Warum sollte man für deren Rettung westliche Leben riskieren?
Und so wird deutlich, was hinter dieser und anderen Parolen steckt: Mit für simple Gemüter auf den ersten Blick scheinbar einleuchtenden Parolen sollen militärische Gewalt und die Einmischung in fremde Konflikte (freilich im eigenen Interesse) normalisiert werden. Und ganz nebenbei soll natürlich auch Kanonenfutter rekrutiert werden. Wir hingegen sagen Nein zu imperialistischem Krieg und Militarismus! Beide Phänomene hängen eng zusammen und müssen politisch bekämpft werden, wo immer es geht. Diese Zeilen leisten dazu hoffentlich einen bescheidenen Beitrag.
Ralph Petroff
