Katholikentag 2026
In Würzburg fand vom 13. bis 17. Mai der Katholikentag 2026 statt. Wir Kommunisten haben zwar ein kompliziertes Verhältnis zum Glauben, lehnen diesen aber keineswegs rundheraus ab – und schon gar nicht die Gläubigen, die nicht selten ähnliche Werte teilen.
Zunächst einmal sei an dieser Stelle mit einem Missverständnis aufgeräumt: Der Katholikentag ist keineswegs eine Veranstaltung, bei der sich ein paar alte, verstaubte Gestalten zu Gottesdiensten und theologischen Seminaren treffen. Vielmehr handelt es sich um eine Art Volksfest, bei dem es sehr weltlich und oft auch politisch zugeht. Auch in diesem Jahr gab es zahlreiche politische Themen, die oft aus einer fortschrittlichen Perspektive heraus diskutiert wurden: So wurde etwa die Frage aufgeworfen, ob die Kirche politisch sein darf oder gar muss; darüber hinaus wurden feministische Themen angeschnitten. Und gerade auch das Thema Demokratie wurde ins Zentrum gestellt. Das sind erfreuliche Tendenzen, die aber auch Schattenseiten haben.
Positiv ist, dass sich ganz eindeutig gegen Faschismus positioniert wurde; das ist eine klare Abkehr von den konservativ-reaktionären Tendenzen, in denen sich der Vatikan de facto hinter Benito Mussolini und Adolf Hitler gestellt hatte. Negativ hingegen ist, dass dies in einer sehr staatstragenden, affirmativen Weise zugunsten “unserer Demokratie” getan wurde – die Rollen waren weitgehend klar verteilt: Dort die bösen Rechtsextremisten (was ja stimmt), hier hingegen die guten Demokraten. Dass es jedoch genau diese bürgerliche Demokratie war, die den deutschen Faschismus herangezüchtet und aufgepäppelt hat, bleibt dabei völlig auf der Strecke. (Allerdings wäre es gerade in diesen Zeiten auch unfair, von Otto Normalbürger und den vielen jungen Menschen ein entsprechendes Bewusstsein zu verlangen; dennoch sei darauf hingewiesen.)
In diesem staatstragenden Sinne war auch, dass sich die verschiedensten “Superdemokraten” – darunter Frank-Walter Steinmeier, Ricarda Lang, Markus Söder und Friedrich Merz – entsprechend inszenieren und ihre Floskeln von “unserer Demokratie”, den “Parteien der Mitte” usw. aufsagen konnten. Positiv bleibt hingegen festzuhalten, dass das Bewusstsein vieler Teilnehmer offensichtlich doch über diese Inszenierungen hinausgeht: So wurde speziell Merz gnadenlos ausgebuht und -gepfiffen. Ein Teilnehmer fragte Merz direkt, ob er den Frust der jungen Menschen verstehen könne, wenn diese immer wieder “unter anderem von Ihnen oder Ihrer Partei” als faul bezeichnet würden, während die Bevölkerung zugleich “gleichzeitig immer höhere Mieten, Unterhaltungskosten, Rentenbeiträge, Sozialbeiträge aushalten” müsse.
Merz tat, was er mit am besten kann – er eierte rum. Das habe er so nicht gesagt (was auch stimmt, denn so klar drücken sich Politiker selten aus), betonte er entrüstet – nur, um dieselbe Parole dann netter umschrieben wieder zu verbreiten. Das erinnerte etwas an den damaligen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß, der Mesut Özil einst attestiert hatte, er habe bei der WM 2018 “einen Dreck gespielt” – um seine Wortwahl später zu “mäßigen”: “Ich hätte nicht Dreck sagen sollen, sondern Mist.” Daraufhin kam es zu zahlreichen Zwischenrufen sowie Störaktionen mit Trillerpfeifen; von anderen Teilen des Publikums wurden diese Aktionen beklatscht. Als er weitersprechen konnte, setzte der Bundeskanzler wieder zu seiner alten Leier an: Wenn wir den Wohlstand in Deutschland erhalten wollten, müssen “alle die Ärmel hochkrempeln” und “ordentlich was tun”. Ich bin gespannt, ob er sich und seinen ständig Sitzungen schwänzenden Unionskollegen Söder damit auch meint – die völlig überlasteten Pflegekräfte oder die Alleinerziehende mit zwei Jobs, um irgendwie über Wasser zu bleiben, wird er damit jedenfalls ordentlich motiviert haben, “die Ärmel hochzukrempeln” und endlich mal “ordentlich was zu tun” …
Wie ich eingangs schon sagte: Die Beziehungen zwischen der Kirche und uns Kommunisten waren und sind teilweise schwierig. Doch das muss nicht so sein: In Italien ging die damals einflussreiche Kommunistische Partei nach dem Zweiten Weltkrieg etwa auf die fortschrittlichen katholischen Werktätigen zu und begegnete ihnen mit Toleranz; im Gegenzug erhielt sie deren aktive oder zumindest wohlwollende Unterstützung. Und speziell in Lateinamerika interpretierte die Befreiungstheologie die Lehren Jesu Christi in einem revolutionären Sinne. Vielleicht können Ereignisse wie dieser Katholikentag dazu beitragen, zumindest ähnliche Beziehungen anzuknüpfen – jedenfalls zur oft jungen und fortschrittlichen Basis.
Ralph Petroff
