Rüstung – die “Rettung” fürs Volk
Wir haben uns schon oft mit der Militarisierung im Zuge der “Zeitenwende” auseinandergesetzt – und wir werden das auch diesmal tun. Die schlechte Nachricht: Aufgrund der politischen Situation kann man jede Wette eingehen, dass es nicht das letzte Mal sein wird.
Früher, in den “idyllischen”, “pazifistischen” Zeiten vor der “Zeitenwende”, konnte man Panzer ganz gemütlich herstellen. Gut, das Militär hat im Imperialismus immer einen hohen Stellenwert, und man muss ja auch am Export in Kriegsgebiete verdienen – wenn die Menschen einander schon umbringen, dann wollen “wir” wenigstens daran verdienen. Im Grunde war alles eitel Sonnenschein, alle hatten einander lieb und lagen sich in den Armen – und deshalb konnte man die Rüstung vernachlässigen. “Wir” waren da einfach zu naiv und sorglos – so jedenfalls tönt es aus Politik und Medien.
Doch aus heiterem Himmel störte der böse Russe mit seinem ersten Angriffskrieg in Europa seit 1945 (Jugoslawien wurde bekanntlich niemals zerlegt und bombardiert) diese jahrzehntelange Harmonie. Jetzt brauchen “wir” Kriegsgerät und Mordwerkzeug – und zwar schnell. Der Bayerische Rundfunk (BR) zitiert Florian Hohenwarter, Chef von KNDS Deutschland, mit der Aussage, künftig wolle man pro Panzer nur noch wenige Tage brauchen. Was das für die Arbeiter dort bedeutet, kann man sich übrigens auch leicht vorstellen – es muss schneller gehen, doch es wird sicher nicht mehr eingestellt.
Karl Marx beschrieb treffend, wie die Profitrate die Produktion steuert: Produziert wird, was Gewinn bringt – und das Kapital strömt dahin, wo möglichst hoher Gewinn zu erwarten ist. Es wird wohl niemanden aus den Schlappen hauen, wenn ich feststelle, dass das derzeit die Rüstungsindustrie ist. Und daher ist es auch nicht verwunderlich, dass bisher “zivil” produzierende Konzerne jetzt auf den Zug aufspringen, der das Kriegsgerät an die Front bringen soll. Und so wird etwa der Zulieferkonzern Dräxlmaier aus Vilsbiburg bei Landshut künftig statt Autoteile eben Bestandteile für Panzer herstellen. Und wieso auch nicht? Dem Kapital ist wie gesagt egal, was produziert wird – wichtig ist, was Profit bringt. Insofern ist diese Entscheidung nur folgerichtig.
Der BR hält zudem fest, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt – was ja wie gesagt auch kein Wunder ist, weil das nun mal die Gesetze des Kapitalismus sind. Doch geht der Autor des Artikels noch weiter und verkauft das Ganze quasi als Wohltat: Die zivile Industrie vernichtet Arbeitsplätze und sucht nach Aufträgen. Wie soll die sich da durchschlagen? Und was soll aus den armen Arbeitern werden (die “komischerweise” nur dann interessant sind, wenn es gilt, Aufrüstung oder Steuergeschenke an Großkonzerne zu rechtfertigen)? Doch zum Glück braucht die arme Rüstungsindustrie dringend Personal und Material. Und so ist die “Zeitenwende” gewissermaßen Manna vom Himmel für die darbende Industrie und die leidenden Arbeiter. (Sarkastisch könnte man sagen, eigentlich müsste man Russland dann ja fast dankbar sein …)
Dass das natürlich wiederum nur Propaganda ist, ist leicht zu durchschauen: Wie viele Arbeiter wird das wirklich betreffen? Mehr als ein Bruchteil wird es nicht sein. Und wenn man das Ganze mal zu Ende denkt: Wozu braucht man das ganze Kriegsgerät? Sicher nicht, damit es Staub ansetzt und eines Tages ins Museum kommt. Nein, das ist für den Einsatz da! Und dafür braucht man den Ernstfall. Sicher, es besteht kein Mangel an Kriegsgebieten – aber dorthin exportieren auch andere, und dass sich allein dadurch die gewaltige Produktionskapazität deutscher Rüstungsschmieden decken lässt, ist fraglich. Und wenn es eines Tages zu Frieden und Entspannung mit Russland käme? Gar nicht auszudenken! Im Grunde kann man also sagen: Die Rüstungsindustrie braucht den Krieg.
Und so wird sich der Arbeiter aus Bayern, dessen Arbeitsplatz bei Dräxlmaier auf diese Weise vorerst gesichert wurde (und natürlich nicht nur dieser), womöglich bald entscheiden müssen: Will er seinen Job womöglich nicht mehr ausüben, weil im kaum vorstellbaren Fall der Entspannung die Konjunktur zurückgeht? Oder weil er im Schützengraben gebraucht wird – und danach vermutlich gar nicht mehr in der Lage ist, zu arbeiten?
Ralph Petroff
