Der Kapitalist und die Arbeitsmoral

Der Kapitalist und die Arbeitsmoral

 

Deutschland droht der Untergang: “Wir sind jetzt in Deutschland an der Kante vom Sein zum Vergehen angekommen, befinden uns also in einer Phase, in der der Niedergang nicht weit ist.” Das erklärt zumindest Reinhold Würth. Der Grund? Die skandalös niedrige Arbeitsmoral der Deutschen.

Sollten Sie sich jetzt fragen, wer zum Geier dieser Reinhold Würth überhaupt ist: Keine Sorge – Sie sind nicht allein. Wir haben es mit einem bereits 90-jährigen milliardenschweren “Unternehmer” zu tun; präziser wäre in seinem Fall der Begriff Kapitalist. Und daher sagt er, was Kapitalisten eben so sagen. Zum Beispiel das: “Wir müssen wieder mehr schaffen in Deutschland. Wir müssen fleißiger werden.”

Wir, sagt er. Das ist ein bisschen, als erzählte ein Sklavenhalter seinen Sklaven, “wir” müssten wieder mehr arbeiten. Dabei sind es die Sklaven, die auf der Baustelle schuften; diejenigen, die dann im luxuriösen Palast leben, sind die Sklavenhalter. (Wobei es natürlich für beide harte Arbeit ist – die Peitsche schwingt sich schließlich nicht von allein …) Entsprechend macht sich Würth große Sorgen um seinen Reichtum – pardon, natürlich um Nation und Vaterland: “Da kann einem Angst und Bange um Deutschland werden: In anderen Ländern wird bei deutlich niedrigeren Stundenlöhnen länger gearbeitet.”

Natürlich sagt er nicht, welche Länder das sind (wenn man sich nur auf Europa beschränkt, man darf davon ausgehen, dass diese Länder in Osteuropa und auf dem Balkan liegen). Er sagt auch nicht, warum das so ist. Aber ganz offensichtlich ist es genau das, was er will: “Wir” sollen niedrigere Löhne für mehr Arbeit erhalten. Und das ist ja auch ganz natürlich: Je mehr gearbeitet wird, desto mehr Profit kann der Kapitalist einstecken; und je niedriger der Preis der Ware Arbeitskraft ist, desto weniger davon verliert er. Dass er sich damit langfristig ins eigene Knie schießt, weil die niedrigen Löhne den Binnenmarkt völlig ruinieren, interessiert ihn nicht – sofern er es denn kapiert.

“Es ist doch eine verrückte Idee von Gewerkschaftern, einen Feiertag, der auf einen Samstag oder Sonntag fällt, nachzuholen. Wo sind wir denn? Wer so etwas fordert, muss der Meinung sein, das Geld falle wie Schneeflocken vom Himmel”, redet Würth sich in Rage. Wäre er ehrlich gewesen, hätte er gesagt: Für mich fällt das Geld wie Schneeflocken vom Himmel – und ich will, dass das so bleibt bzw. möglichst noch mehr wird. Allerdings hinkt sein Vergleich etwas: Das Geld fällt für ihn und seinesgleichen nicht einfach von Natur aus vom Himmel, sondern deshalb, weil – bildlich gesprochen – die werktätige Mehrheit mühsam Schneeschippen muss, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Doch es gibt ein Problem: Diese Werktätigen sehen den Sinn ihrer Existenz nicht etwa darin, die Profite der Kapitalisten zu vermehren – nein, sie denken doch tatsächlich an ein Leben außerhalb der Arbeit! Unerhört, wo kommen wir da hin? In den Worten dieses Sprachrohrs des Kapitals: “Die Work-Life-Balance wurde immer mehr in Richtung Life-Balance verschoben.” Die sollten sich ein Beispiel an Würth nehmen: “So diktiere ich manchmal um 21.30 Uhr abends zuhause noch Briefe und gehe immer wieder ins Büro. Und ich schwimme jeden Tag eine halbe Stunde.”

Briefe diktieren und privat Schwimmen gehen – bestimmt hat er damit seinen Reichtum gemacht, nicht etwa auf dem Rücken seiner Angestellten. Das sind die Leute, die in diesem Land das sagen haben und als “Elite” gelten. Um es mit einer Textzeile von Ton Steine Scherben zu sagen: “Sie tun nichts für uns – doch sie leben von uns!” Es wird allerhöchste Zeit, dass wir das endlich ändern und den Kapitalismus auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen.

Ralph Petroff